| Malerei aus Zwischenräumen von Jochen Meister |
Malerei ist zunächst das Auftragen von Farbe auf eine Fläche. Ob dies geschieht, um etwas Bekanntes abzubilden, oder ob es darum geht, etwas Neues entstehen zu lassen, kann bei dieser einfachsten Definition außer Acht gelassen werden. Für jedes weitere Verständnis spielt die Entscheidung, was auf der Fläche, in unserem Fall der Leinwand oder dem Papier, entsteht, jedoch eine große Rolle.
Dass Farben, Linien und Flächen viel zu schön und wichtig sind, um mit ihnen nur das nachzubilden, was schon existiert, ist keine neue Erkenntnis. Dass in der Malerei bisweilen hinter der Oberfläche eine verborgene Bedeutung liegt, ebenfalls nicht. Interessanterweise treten beide Phänomene zu Beginn des 20. Jahrhunderts markant auf: in der Malerei der Moderne wie auch in der jungen Disziplin der Kunstgeschichte, beispielsweise bei Aby Warburg. Letzterer beschäftigte sich mit Formen, die als Speichermedium für Geistiges eine Grundvoraussetzung der Zivilisation darstellten. Diese Formen können Zeichen sein, verwendbar im Sinne von Kodes, also mehr oder weniger komplex strukturierten Schlüsseln, um etwas zu erschließen.
Eine Form entsteht zunächst in den Gedanken des Malers, vielleicht angeregt durch Gesehenes. Dem Drehen und Wenden und Spielen mit der Form im Kopf folgt der erste Schritt in eine neue, materielle Existenz, etwa in einer Zeichnung. Möglicherweise existiert daneben schon eine weitere Form, die sich hinzu gesellt. In Gedanken entsteht ein ganzes Bild. Der Schritt in die Zeichnung oder die Malerei muss nicht bedeuten, dieses Bild im Kopf exakt auf die Welt zu bringen. Denn zur Geburt des Bildes gehört die Hand, die es macht. Wenn sie frei gelassen wird, kann der Bildgedanke durch die körperliche Interpretation verändert werden; er kann um Elemente bereichert werden, die erst jetzt, mit der Hand entstehen. Regel und Freiheit, Konstruktion und Spontaneität: der Wechsel bestimmt diese Malerei. Es ist die Vorstellung zweier Kräfte, die wie beim Herzschlag erst miteinander Eins ergeben.
Das ist die Malerei von Daniel Kojo. Seine Bilder sind vielschichtig im Aufbau, auf Leinwand oder bei kleineren Formaten auf Papier. Die Farben sind mit Eitempera oder Acryl aufgetragen und durchzogen von Linien von Kohle oder Ölkreide. Die Oberfläche der Bilder ist geprägt durch die unterschiedlichen Arten des Auftragens oder Wegnehmens der Farben. Es entstehen Schichten, Überlagerungen und Ränder. Sand und anderen Substanzen können zugesetzt werden regelrechte Farblandschaften bilden sich, deren Teile zueinander in jene beschriebenen spannungsvollen Verhältnisse gesetzt sind, die auch die Entstehung des einzelnen Teils bestimmen.
Und dann taucht noch etwas anderes auf. Fragmente von Buchstaben zum Beispiel. Oder Formen, die an Dinge erinnern. In den früheren Werken ist es häufig die Silhouette eines rituellen afrikanischen Musikinstruments, des Gonggong, etwa halbkreisförmig, mit einer Fingerschlaufe am Scheitel. Allein die reduzierte Fläche dieses Gegenstandes, seine zeichenhafte Vereinfachung, setzt sich in Beziehung zu den ungegenständlichen Bildteilen. Keine Geschichten sind aus diesen Beziehungen abzulesen, keine Handlung kann man erkennen. Aber wer aufmerksam die Formen und Farben beobachtet, spürt vielleicht ein Gefühl, eine Referenz an einen machtvollen afrikanischen Kode.
Die neueren Werke zeigen öfters fragmentierte Buchstabenfolgen. Es sind immer wieder Bruchstücke derselben Worte. Wenn man den Bildtitel liest, kann man mit etwas Nachdenken die Fragmente als Teile der Wortfolge STOP, LOOK, LISTEN identifizieren, welche den Titel gibt. Oder beispielsweise BROTHER BEETHOVEN. Unter den Titeln der Bilder findet sich auch der AFRONAUT. Dieses Kunstwort benennt ziemlich präzise die Situation, aus der die Bilder von Daniel Kojo entstehen. Die Frage nach dem eigenen Sein ist verknüpft mit der Frage nach dem Woher. Selbst wenn man den Eindruck hat, dass sich Gesellschaften im Zeichen der Globalisierung rasant ändern, vielleicht gerade wegen dieser Veränderungen, mag der Begriff Heimat aktuell sein. Der Raum des Dazwischen nämlich vergrößert sich. Gibt es eine Heimat dort, im Dazwischen? Der Afronaut, der seine Wurzeln eben nicht mehr in Afrika sieht, sondern genau so gut from outer space, aus dem Weltall in dieses Land gekommen sein könnte, ist eine symbolische Figur. Auch er ist ein Kode, ein Schlüssel.
Brother Beethoven übrigens ebenso: Die Ikone klassischer abendländischer Musik,wird durch die Anrede brother, Innbegriff der afroamerikanischen Emanzipationsbewegung, zum Stammesbruder, angeregt übrigens durch die Nachricht, dass die Großmutter des 1770 geborenen Komponisten eine farbige Surinamesin gewesen sei. Stop, Look, Listen ist eine Sentenz von anderer Qualität. An Bahnübergängen in Ghana warnt dieser Spruch auf Hinweistafeln Diejenigen, die die Gleise überqueren wollen. Naht ein Zug, ist nicht nur Vorsicht geboten, sondern auch die Möglichkeit gegeben, miteinander zu reden und sich auszutauschen. So bekommt der verkehrstechnische Hinweis einen ebenfalls symbolischen Sinn: Innehalten, um zu schauen und zu hören...innehalten, um wahrzunehmen. Dieser Hinweis sollte auch für den Umgang mit Malerei ernst genommen werden.
Das Verhältnis der Farbflächen und der Linien, die Spannung der ungegenständlichen Gesten ist ein Teil der Malerei von Daniel Kojo. In deren Komposition fügt sich das symbolisch deutbare Fragment ein, der afrikanische Kode. Wieder gilt für das Ganze, was auch für seine Teile gilt. Alles wird einem Prozess unterworfen, der unter großem Einsatz subjektiver Energie den anfangs genannten Wechsel, das Zusammenspiel von Konstruktion und Spontaneität, zum Prinzip erhebt. Dieser Prozess wirkt übrigens nicht nur im einzelnen Bild, sondern greift auf das moderne Mittel der Serie zurück. Als Einzelbilder konzipiert, entstehen die Werke doch seriell und versichern sich gegenseitig ihrer Existenz wie ihrer Ziele.
Es scheint mir, dass die Ziele darin liegen, immer wieder neu eine Form für das Dazwischen zu evozieren. Wir können in der ungegenständlichen Malerei eine Auseinandersetzung mit der westlichen Moderne erkennen, ohne hier einzelne Künstler nennen zu müssen. Die Stellung des Bildraumes zur Bildfläche, das Spiel der spontanen Geste mit der strengen Komposition, dafür würden sich wohl hinreichend Beispiele finden lassen. Bei der erdigen Farbigkeit zieht sich der Kreis der Verwandten um mediterrane Positionen. Mit dem Einbezug der symbolischen Fragmente schließlich öffnen sich die Werke auf den Zwischenraum hin. Die Fragmente, Buchstabenfolgen oder Silhouetten, sperren sich nicht. Sie brechen nicht aus dem Bild heraus, sondern scheinen sich ihrer Macht auf das Ganze sehr bewusst zu sein. Wenn ich sie damit als aktive Teile beschreibe, gebe ich ihnen die gleiche Energie wie den abstrakten Gesten. Mit dem Weglassen des Gegenstandes ermöglichte die europäische Malerei des 20. Jahrhunderts ein unbedingtes Annähern an reine geistige Zustände. Das Symbolische stand dazu meist im Widerspruch, denn es benötigt die Bindung an die materielle Welt, um auf die geistige weisen zu können. Wenn Daniel Kojo das Symbolische in Wort(fragment) und Bild wieder aufnimmt, verknüpft er dies mit einer tatsächlichen Materialität der Farbsubstanz. Die expressive Geste ist zugleich aufgetragenes, gebundenes Pigment, während das Symbolische an den Rand einer materiellen Auflösung geführt ist in der Fragmentierung und Zeichenhaftigkeit des Kodes. Diese materielle Auflösung des Symbolischen bei einer gleichzeitigen materiellen Aufladung des Gestischen scheint mir das Dazwischen zu formulieren. Übrigens nicht einen festen Ort, eher eine Wanderung.
Es ist ehrlich, einen Weg zu zeigen und nicht scheinbare Lösungen anzubieten. Es ist ehrlich, aus der Erfahrung heraus zu arbeiten und nicht gegen sie. So ist das Thema Afrika nicht plakativ ins Zentrum gerückt. Es wird mit der dynamischen Struktur der europäischen Malerei schließlich auch immer wieder in Frage gestellt; geht unter im Bild, um mit Kraft wieder aufzutauchen. Es ist nicht das Afrika, wie es von außen gesehen wird, es ist das innere Afrika von Daniel Kojo. Es antwortet aus Zwischenräumen, Räumen, die durch einen Sprung zu erreichen wären. Jede Generation muss sie sich erwerben in ihrer Auseinandersetzung mit ihrem Ort und ihrer Zeit. Malerei muss nicht mehr sein als das.
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