Grenzgänger und Afronauten von Dr.Annette Julius
Daniel Kojo hat als Maler sehr früh zu einer ganz eigenen Bildersprache gefunden. Vergleicht man Bilder, die er Mitte der neunziger Jahre gemalt hat, mit seinen jüngsten Werken, so lassen sich eine Reihe von Charakteristika nennen, die sein Schaffen damals wie heute charakterisieren. Hierzu gehören der Einsatz bestimmter, immer wiederkehrender, in der Regel „warmer“ Farben, die aufgerauten oder sogar aufbrechenden Oberflächen seiner Bilder ebenso wie das Neben- und Gegeneinander von hellen und dunklen Flächen, die abstrakt sind, gleichzeitig aber immer auch figürliche Assoziationen zulassen.

Einer seiner Lehrer und Weggefährten, der Berliner Maler und Grafiker Willibrord Haas, schrieb schon vor zehn Jahren über ihn:
„Ich muss gestehen, dass ich von diesen Bildern stark und elementar beeindruckt bin. .... [In diese Malerei] fließt ein ganz zeitloses Moment vom Drama des Werdens und Vergehens zusammen, mit der aktuellen Frage der Selbstfindung und Selbstbehauptung. Daseinskämpfer ohne Aggression, aber voller Kraft.“

Selbstfindung und Selbstbehauptung sind auch heute noch Stichworte, die einen Zugang zu diesen Werken ermöglichen. Dem hinzufügen möchte ich ein weiteres Motiv – nämlich das der „Grenzüberschreitung“ – Grenzüberschreitung als Erkenntnisprinzip, als Methode, über die sich der Prozess der Identitätssuche, der Suche nach geeigneten Ausdrucksmöglichkeiten vollzieht.

„brother beethoven“ lautete der Titel der jüngsten Ausstellung Kojos im Kunstverein Leverkusen Morsbroich, der auf eine solche Grenzüberschreitung verweist: Die Anrede „brother“ bezeichnet im afroamerikanischen Sprachgebrauch „einen Bruder im Geiste“, markiert Solidarität und Gemeinschaft im Streben nach politischer Emanzipation – eine Gemeinschaft, die sich an der Hautfarbe orientiert und sich auf diese Weise auch nach außen abgrenzt. Wenn mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes „familiären“ Anrede nun Beethoven angesprochen wird, so klingen hier zwei Themen an, nämlich das Aufeinandertreffen von afrikanischer und europäischer Kultur, aber auch das Aufeinandertreffen der Welt der Bildenden Kunst und der Musik.

Daniel Kojo hat Ghana, das Heimatland seines Vaters mit zwanzig Jahren das erste Mal besucht. Seine Mutter ist Deutsche, geboren und aufgewachsen ist er im Allgäu. Anders sein, dazwischen stehen – in Deutschland aufgrund der Hautfarbe, in Afrika aufgrund der Sozialisation in Deutschland - sind Grunderfahrungen seiner Biografie. Die Erfahrung des Andersseins interpretiert er nicht als defizitär, im Gegenteil: Sie macht ihn zu einem Beobachter, der vieles deswegen wahrnehmen kann, weil er gleichzeitig eine Innen- und Außenperspektive einnimmt.

Für seine Malerei ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher, womöglich auch widersprüchlicher Impulse zentral. Nicht zuletzt lässt sich dies am Entstehungsprozess der Bilder erläutern: Diese werden in vielfachen, aufeinanderfolgenden Arbeitsschritten fortentwickelt, bei denen der Maler immer wieder – nach bewusst gesetzten Pausen - neu ansetzt, Schicht um Schicht auf die Leinwand bringt und bei dem - wie in dem Bild „by any means II“ noch deutlich sichtbar ist - aus einem ursprünglichen Quer- gelegentlich auch ein Längsformat werden kann. Es handelt sich dabei um einen Prozess, der zwischen Kalkül und Spontaneität angesiedelt ist, der sowohl plant als auch reagiert. So entstehen serielle Arbeiten, die bei ähnlichen Ausgangspunkten in ganz unterschiedliche Prozesse und zu ganz unterschiedlichen Bildern führen.

Drei grundlegende – und auch grundverschiedene – Elemente sind dabei in den Bildern zu finden: Zum einen die Skizze, die mit schnellen Strichen mithilfe von Kohlestiften gezeichnet oder auch in vorhandene Farbschichten eingeritzt wird. Zum zweiten die Flächen: Für diese verwendet der Künstler Acrylfarben, denen er Marmormehl, Sand oder Zellstoffe zumischt – Materialien, die den Farbton selbst nicht verändern, ihm aber Volumen und Struktur geben. Diese Farben werden auf die auf dem Boden liegende Leinwand aufgetragen und mit Rakeln verteilt. Drittens sind in den letzten drei bis vier Jahren Elemente in die Bilder getreten, die – anders als die Skizzen und die Flächen – vorgefertigt und so, was ihre Form betrifft, reproduzierbar sind. Meistens handelt es sich dabei um Buchstaben, bisweilen auch um bekannte icons, die Daniel Kojo mit einem Overheadprojektor auf die Leinwand bringt und dort nachzeichnet; aber auch die immer wieder zu findenden, schattenrissartigen Darstellungen des ghanaischen Percussioninstruments Gong-Gong, die mithilfe einer Schablone entstehen, lassen sich dieser letzten Kategorie zuordnen.

Die einzelnen Schichten, die im Prozess der Bildentstehung aufeinander gelegt werden, vermischen sich nicht, sondern treten zueinander in Beziehung – ergänzen oder widersprechen sich, können – wie ein Schleier – das darunter Liegende weiterhin sichtbar lassen oder aber dieses im Einzelfall auch völlig überlagern. Durch die Skizze wird einer abstrakten Fläche eine gegenständliche Ebene hinzugefügt, die sich im nächsten Schritt wieder auflösen mag. Die verwendeten Buchstaben sind meist aus immer wieder benutzten Bildtiteln genommen; in dem Maße aber, in dem diese Buchstaben nur Teile der Titel zitieren, sie aus dem Bild laufen und vor allem auch mit den anderen Bildelementen interferieren, tritt ihre ursprüngliche Bedeutung zurück, und tritt der graphische Aspekt der Buchstaben in den Vordergrund.

Was dort mit sehr vielen Schichten entsteht und uns am Ende als ein Bild entgegentritt, ließe sich auch als „Dialog“ mit sich selbst beschreiben, als gleichzeitige Schau einer in der Zeit verorteten, heterogenen Denkbewegung. Dieser Prozess kann über Jahre fortdauern – was auch erklärt, warum man bisweilen auch auf Bilder trifft, die „brother beethoven“ heißen, auch wenn auf der jetzt sichtbaren „Oberfläche“ ein Titel einer viel neueren Serie – nämlich „Stop Look Listen“ aufscheint.

Was hat es nun mit den Titeln der Bilder auf sich? Wie schon zu Beginn angedeutet, sind sie zuallererst ein Hinweis auf Gedankenwelten, die den Künstler beschäftigen, auf Fundstücke, die er aufnimmt und in seinen Bildern „bearbeitet“, aber auch auf Aspekte seiner Persönlichkeit, die auf diese Weise aufscheinen. So ist es sicherlich kein Zufall, dass die Titel häufig auf die Welt der Musik – den Komponisten Beethoven, das erwähnte ghanaische Instrument Gong-Gong – oder, wie in „Stop Look Listen“., auf den Akt des Hörens – verweisen, denn Daniel Kojo ist auch – wenn auch nicht mehr hauptsächlich – Musiker, der Anfang der neunziger Jahre professionell mit einer eigenen Bluesband auftrat.

Dass es sich bei den Buchstaben in den neueren Bildern häufig um Versatzstücke der Bildtitel handelt, bedeutet also nicht, dass diese Buchstaben die Titelgebung in jedem Fall begründen. Die ersten Bilder der Serie „brother beethoven“ entstanden Ende 1999, als Buchstaben als Bildelemente noch gar keine Rolle in der Malerei Kojos spielten. „Gemalte Buchstaben“, wenn man es so nennen will, hat Daniel Kojo auf seinen Reisen – in so unterschiedlichen Ländern wie Mexiko und Ghana – „gefunden“ und von dort in seine Bilder hineingetragen. In beiden Ländern stieß er darauf, dass öffentliche Schilder oder auch Plakate zu Werbezwecken nicht industriell gefertigt, sondern von Hand – individuell und zugleich mit einer ihn faszinierenden, unglaublichen Präzision – gemalt werden. In Mexiko begründet dies einen ganzen Berufsstand, die sogenannten „roturistas“.

Ein direktes Zitat einer solchen Fundstelle ist der Titel „Stop Look Listen“ – Verkehrsteilnehmer in Ghana werden mit diesem auf Schildern zu findenden Warnhinweis aufgefordert, an Bahnübergängen auf nahende Züge zu achten. Autofahrer, die an diesen Bahnübergängen anhalten, tun dies jedoch in der Regel nicht so sehr aus Furcht vor heranrasenden Zügen, sondern vor einem Achsenbruch an den holprigen Bahnschienen. Auch die Züge werden an diesen Übergängen zum Halten gebracht, weil die Bahnübergänge belagert sind von Menschen – zum einen von den erwähnten Autofahrern, des weiteren von Händlern aller Art, die den Reisenden – in Zug und Auto – ihre Waren anbieten. So entsteht ein außerplanmäßiger Treff- und Kommunikationspunkt – eine Situation, die Daniel Kojo in seiner Malerei aufgreift, durchaus auch Bahngleise oder die Rücklichter eines davonfahrenden Zuges figürlich andeutet und mit den eigenen Ausdrucksmitteln bearbeitet und weiterentwickelt.

Die Serie „by any means“ geht dagegen von einer Fotographie aus, die Malcolm X zeigt, wie er, hinter Vorhängen stehend, auf eine offensichtlich tiefer liegende Szene lugt, in der rechen Hand eine Kalaschnikow haltend. Faszinierend an dieser Fotographie ist wohl vor allem, dass sie für unterschiedliche Deutungen offen ist – es bleibt unklar, wen oder was Malcolm X betrachtet, ob er andere beobachtet oder sich vor jemandem verbirgt, ob die Waffe defensiv oder aggressiv zu deuten ist, ob es sich um einen Schnappschuss oder eine inszenierte Szene handelt. Die Bilder dieser Serie deuten die Silhouette eines Kopfes an, greifen das Motiv der Vorhänge, aber auch genereller das Thema des Verbergens auf.


Ich hatte Daniel Kojo weiter oben als Grenzgänger vorgestellt, ein Grenzgänger, der auf der Suche und dabei stets in Bewegung ist. In seinen Bildern erkennen wir Fundstücke dieser Suche, bringt er die unterschiedlichen Welten, innerhalb derer er sich bewegt, zusammen. Die Malerei, der Prozess der Bildentstehung ist dabei Teil dieses Suchprozesses. Für mich selbst liegt das Faszinosum der Bilder Daniel Kojo nicht zuletzt darin, dass sie ganz und gar persönlich sind, etwas preisgeben und dabei stets diskret, ja fast scheu-zurückhaltend bleiben.

Insofern haben diese Bilder auch einen starken Aufforderungscharakter – fordern sie ihre Betrachter dazu auf – man könnte auch sagen „befähigen“ sie dazu – die ihnen innewohnende kreative Bewegung aufzunehmen – innezuhalten, hinzuschauen, hinzuhören – sich vielleicht den „Afronauten“ anzuschließen – oder wie auch immer diese Bewegung selbst fortzuführen.


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